Am Donnerstag, 05. November 2009, wurde ich bei einem Vortrag von Herrn Dr. Ernst zum Thema "Zwangsarbeiter in Wesermünde" an einer Stelle hellhörig. Beim Aufzählen der Standorte der Arbeitslager in Wesermünde im zweiten Weltkrieg nannte Herr Dr. Ernst u. a. auch den Schulhof der Schillerschule. Erst daheim wurden mir mögliche Zusammenhänge klar. Die alte Schillerschule befand sich nämlich bis zu ihrer Auflösung an der Stelle, an der jetzt die Volkshochschule steht. Nach der Auflösung der neuen Schillerschule hat der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden in Bremerhaven einen Teil des Schulhofes und die Turnhalle von der Stadt erworben.
Somit besteht die Möglichkeit, dass sich das angesprochene Arbeitslager auf dem Gelände unserer Schule befunden hat.
Eine Nachfrage bei Herrn Dr. Ernst anlässlich der Kranzniederlegung zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 09. November 1938 bestätigte meine Vermutung. Eine weitere Nachfrage einen Tag später bei Herrn Dr. Bickelmann, dem Leiter des Stadtarchivs, ergab, dass es sich um ein Frauenlager gehandelt hat.
Nachforschungen im Stadtarchiv haben Folgendes ergeben:
Die alte Schillerschule hatte bis zu ihrer Zerstörung ihren Standort etwa im rechten Winkel zum jetzigen Gebäude der Volkshochschule. Sie stand an der zu der Zeit bis zur Lloydstraße durchgehenden Prager Straße. Diese kreuzte sich an dieser Stelle mit der Preßburger Straße. Heute steht dort das Parkkaus "Mitte". Die Preßburger Straße wurde nach dem zweiten Weltkrieg in diesem Bereich aufgehoben. Das Arbeitslager war in der Schule und in Baracken eingerichtet. Diese Baracken standen auf dem Schulhof am Standort des Seitenflügels der Volkshochschule an der Grazer Straße.
In dem Lager waren Zwangsarbeiterinnen aus Kroatien und Polen untergebracht. Sie fuhren jeden Tag mit der Straßenbahn zu ihrer Arbeit im Fischereihafen.
Dazu schreibt Dr. Manfred Ernst in seinem Werk "Zwangsarbeiter in Wesermünde":
"In der Schillerschule an der Prager Straße in Wesermünde-Mitte lebten bis zum Frühjahr 1943 Kroatinnen und Polinnen, die im Fischereihafen arbeiteten. In den Gestapo-Listen aus dem Jahr 1944 ist dieses Lager nicht mehr enthalten.
Auch von diesem Lager sind im Album der "Wesermünder Fischwirtschaft" Fotografien erhalten. Die Räume machen einen gepflegten Eindruck, von der Empfangshalle bis zu den Baracken auf dem Schulhof, z. B. Blatt 29: "Wohn- und Schlafraum Turnhalle", Blumen aug jedem Tisch; Blatt 17:"Für den Feierabend", unter dem Hitlerbild ein Flügel, daran gelehnt Laute, Mandoline und Gitarre; Blatt 14:"Einkauf in der Kantine", lachende junge Mädchen vor dem Verkaufstisch ein Karton, überquellend von Schokoladentafeln. "
Die äußere Idylle der Bilder trügt. Eine der Kroatinnen, sie war 1942 17 Jahre alt war, wohnte noch zum Zeitpunkt des Erscheinens von Ernst` Buch in Bremerhaven. Sie erkannte auf den Bildern Arbeitskolleginnen wieder und bestätigte, dass die Räume wie auf den Bildern ausgesehen haben. Sie sagte zum Verkaufstisch in der Kantine allerdings: "Schokolade gab es damals gar nicht. "
Die Kroatinnen und Polinnen wurden unterschiedlich behandelt. So wohnten die Kroatinnen im Schulgebäude und hatten den gleichen Verdienst wie die Deutschen, auch die gleichen Freiheiten, konnten z. B. ins Kino und in Gaststätten gehen. In der Baracke auf dem Hof wohnten Polinnen aus Litzmannstadt (heute Lodz). Ihnen ging es schlechter als den Kroatinnen, sie mussten das P-Zeichen fest angenäht tragen. Wenn sie es aber nur mit einer Sicherheitsnadel befestigt hatten und sie erwischt wurden, kam es vor, dass man ihnen mit der Sicherheitsnadel in die Brust stach. Die Polinnen durften nicht in Gaststätten und Kinos gehen und mussten spätestens um 22. 00 Uhr im Heim sein. Ihr Arbeitsverdienst war geringer als der der Kroatinnen, die Verpflegung war aber gleich. Im Betrieb mussten sie an einem anderen Tisch als die übrigen Frauen essen. Im Frühjahr 1943 wurden alle, Kroatinnen und Polinnen, ins Ibbrigheim* in Geestemünde verlegt.
Schwester Cassiana von der katholischen Gemeinde St. Marien hat sich um die Mädchen in der Schillerschule, die im Durchschnitt ca. 20 Jahre alt waren, besonders verdient gemacht. Sie gab ihnen Deutschunterricht und richtete einen besonderen Gottesdienst für sie ein, wenn die anderen Christen die Kirche an der Keilstraße verlassen hatten. Schwester Cassiana war von 1910 bis 1939 als Lehrerin an der Katholischen Gemeinde-Schule in Alt-Bremerhaven tätig. Diese Schule wurde 1939 von den Nationalsozialisten aufgelöst. Sie ist damit Vorgängerin der Edith Stein-Schule.
* Das Ibbrigheim gibt es heute noch in der Ibbrigstraße. Die Ibbrigstraße verbindet die Georg-Seebeck-Straße mit der (nicht ausgebauten) Hamburger Straße.
Johannes Gerdes
